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20 Jahre Tschernobyl

für uns ein Grund bei unserem fröhlichen Fest einen Augenblick inne zu halten, um der Opfer zu gedenken – den Opfern die damals gestorben sind, denen die der Tod inzwischen von ihrem unendlichem Leid erlöst hat, denen die noch immer leiden und denen die in den kommenden Jahrzehnten erst noch zu Opfern werden. Wir haben den Kernphysiker Prof. Vassilij Nesterenko gebeten, einen kurzen Bericht aus der Region für unseren Reisebegleiter zu schreiben.

Leben und Sterben in der Tschernobylzone
Von Prof. Nesterenko aus Minsk / Belarus
Als es 1986 in Tschernobyl zur Katastrophe kam, war ich Direktor des „Institut für Kernenergetik der Akademie der Wissenschaft der Republik Belarus“.
In den Tagen nach der Nuklearkatastrophe war ich wie andere auch vor Ort am brennenden Reaktor, um das Schlimmste zu verhindern. Zwischen dem 6. und dem 8. Mai hatten wir eigentlich damit gerechnet , dass es im Reaktor zu einer weit größeren Explosion mit einer Gewalt von 3 – 5 Megatonnen kommen würde. Wenn das passiert wäre, dann hätte diese Explosion den Umkreis von 300 Kilometern rund um den Reaktor verwüstet.
Dazu ist es nicht gekommen. Auch dafür haben 800 000 Liquidatoren (Katastrophenhelfer) am Reaktor und in den belasteten Regionen, ohne es zu wissen, ihre Gesundheit riskiert und tausendfach geopfert.
Als ich am 9. Mai auf dem Bahnhof von Gomel gesehen habe, wie tausende von Kindern, viele davon weinend, von ihren Eltern getrennt und evakuiert wurden war mir klar:
Tschernobyl war nicht nur eine Katastrophe für die Welt, sondern auch meine persönliche Lebenskatastrophe. Ich hatte bis dahin für die Atomkraft gelebt, aber sie wird immer zu gefährlich sein.
Mit Unterstützung des Physikers und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharov, des Schachgroßmeisters Anatolij Karpov und anderer habe ich 1992 das unabhängige Institut für Strahlensicherheit „BELRAD“ gegründet, um den Menschen zu helfen und die Wahrheit über die Folgen von Tschernobyl herauszufinden.
Wie aber sehen die Folgen von Tschernobyl aus? Was ist die Wahrheit?
Mehr als 23% der Fläche Weißrusslands (mehr als 46,5 Tausend km²) wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl der Verseuchung von über 1 Ci/m² ausgesetzt. Über 2 Mio Menschen, darunter 500 000 Kinder, waren betroffen. Im Laufe der Jahre wurden 135 000 Menschen evakuiert und 260 Tausend Hektar Boden aus der Bodennutzung genommen.
Unter den Folgen von Tschernobyl leiden in Weißrussland, Russland und der Ukraine insgesamt 7 – 8 Mio. Menschen, obwohl die Gebiete rund um den Reaktor nicht dicht besiedelt waren. In Deutschland ist die Bevölkerungsdichte ungefähr 5 x höher. Bei einem vergleichbaren Unfall ist davon auszugehen, dass 30 – 40 Mio. Menschen direkt betroffen wären.
Ein Großteil der langlebigen Radionuklide akkumulierte sich in der oberen Bodenschicht und gelangt so nach wie vor über die Nahrungskette tagtäglich in den Menschen.
Über 90% der Strahlung nehmen die dort lebenden knapp 2 Mio. Menschen heute und in den nächsten Jahrzehnten durch die Nahrungsmittel zu sich.
Bei gleicher Ernährung von Erwachsenen und Kindern akkumulieren Kinder eine 3-5mal höhere Dosisbelastung, da sie weniger wiegen und die Wechselprozesse im Kinderkörper aktiver verlaufen. Darum sprechen wir von den „Kindern von Tschernobyl“, die besonders unsere Hilfe brauchen.
Seit 1990 messen wir den Cäsium-137 Gehalt in den Nahrungsmitteln der Bevölkerung in möglichst vielen Dörfern. In 1100 Dörfern ist die Milch so stark belastet, dass Kinder sie eigentlich nicht trinken dürften. Besonders stark belastet sind Pilze, Beeren, Wildfleisch und Fisch.
Sogar in Minsk, 320 km von Tschernobyl entfernt, weisen die Messungen eine Akkumulation von Cäsium-137 im Körper der Kinder in 20 von uns untersuchten Schulen nach. Nur bei 10% der Kinder ist der Gehalt von Cäsium-137 unter 5-7 Bq/kg geblieben, die maximalen gemessenen Werte betrugen jedoch 700-900 Bq/kg. Ab einer Belastung von 30 – 50 Bq/kg muss mit Pathologien der Organe gerechnet werden. Die Nieren werden geschädigt. Das Immunsystem wird geschwächt, das Nervensystem wird angegriffen. Kinder im Alter von 12 Jahen leiden unter Bluthochdruck. Gastritis ist bei den Kindern häufig festzustellen und es besteht eine grosse Gefahr Magendarmkrebs zu bekommen. Eine hohe Cäsiuimbelastung kann zum Grauen Star und zur Sklerose der Blutadern im Auge führen.
Nach offiziellen Angaben hat sich in Weißrussland die Anzahl der gesunden Kinder von 85% (1985) auf 20% (2000) verringert. Unsere Untersuchungen bestätigen dies.
Wie wir versuchen den Menschen vor Ort zu helfen, das können Sie nachlesen unter: www.ostwestbruecke.de.
Nähere Informationen gibt es auch bei JANUN e.V. in Hannover unter Telefon: 0511-5909190
Unsere Arbeit ist nur durch Spenden aus dem Ausland möglich.
Über Ihre Unterstützung würden wir uns freuen.
Prof. Vasilij Nesterenko

Spendenkonto
JANUN e.V.
SPARDA-Bank Hannover eG
BLZ 250 905 00
KontoNr. 19 22 815
Stichwort: Spende Kinderhilfe Belarus

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Junger Wind…? von Sabine Steinmann

Wo kommt die Jugend in der Kulturellen Landpartie vor? In der Vergangenheit gab es vereinzelt besondere Aktionen und Installationen von Jugendlichen, die während der Zeit zu Geheimtipps wurden. In diesem Jahr sind Schülerinnen und Schüler in Nemitz, Neu Tramm und Corvin künstlerisch aktiv geworden und haben sich mit ihrer Region auseinander- und in Beziehung gesetzt. Aus Frankreich ist das junge Wandertheater-Projekt „Cirque Gones“ angereist, das in Meuchefitz seine Zirkusschule öffnen wird. Und in Priesseck und Bülitz bietet der 26jährige Maler Florencio Mirel Fernando Calisto aus Mosambik kreative Workshops für Heranwachsende an.

Entpuppungen in Nemitz
„Wie geht man damit um, mit dem, was uns alljährlich im November blüht und uns
auch weiterhin noch zu blühen droht?“, fragten sich Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse des Gymnasiums in Lüchow. „Resignieren, reagieren?“ Sie haben sich für eine produktive Reaktion auf die jährlichen Castor-Transporte entschieden. In Anlehnung an George Segals „Junk Art“, der amerikanische Künstler sorgte in den 60ziger Jahren mit seiner Kreation von Gipsfiguren für eine neue Kunstrichtung, sind zahlreiche Plastiken entstanden die sich mit dem Thema Gorleben befassen. Zwischen Resignation und Widerstand bewegen sich die in das starre Material abgeformten Wahrnehmungen und Empfindungen der Schüler: Empfundene Ohnmacht, Visionen nach dem Supergau, aber auch ironische Entfremdungen spiegeln sich in diesen „Entpuppungen“ aus Gips. Zustände die immer wieder zum Alltag eines im Wendland lebenden Heranwachsenden gehören und die Fragen aufwerfen, auf die man nicht die Antwort, geschweige denn eine Lösung parat hat.

Historische Spurensuche in Neu Tramm
Ein anderer historischer „wunder Punkt“ des Wendlands, viel älter als die unendliche Geschichte um Gorleben, ist der Militärrundling in Neu Tramm. Während des Zweiten Weltkrieges wurden hier unter strengster Geheimhaltung Konstruktionsanlagen für den Bau der V1 Raketen hergestellt. Später arbeiteten Frauen aus dem europäischen Osten unter menschenunwürdigen Bedingungen für verschiedene Firmen. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende: Die ehemaligen Kasernen dienten der Polizei alljährlich, wenn der Atommüll durch den Landkreis rollt, als Gefangenensammelstelle (GESA).
Inzwischen haben sich Kunst und Kultur an diesem historischen Ort eingefunden. Mit originellen und interessanten Veranstaltungen und Ausstellungen sorgen der Musiktreffpunkt „Raum 2“ und die KulturManufaktur, die sich in den ehemaligen Fabrikräumen eingemietet haben, für eine Bereicherung der wendländischen Kulturszenerie.
Auf diesem Teil des ehemaligen Militär-Geländes haben Schülerinnen und Schüler des Fritz-Reuter-Gymnasiums Dannenberg zur Kulturellen Landpartie eine Spurensuche inszeniert und sich mit der Vergangenheit des Ortes beschäftigt. Trauer und die Schicksale der Menschen, die dort arbeiten mussten sind Themen ihrer Auseinandersetzung. Aber auch mit der unwirtlichen Fabrikatmosphäre, den großen Hallen sind sie künstlerisch in Kontakt getreten.

Geistertöne im Wäldchen
Die Freude des Wiedererkennens verbindet sich oft mit der Erinnerung an besondere Momente des Lebens. Das gilt auch für die Musik. Dabei reicht die Spanne von „Aha“- Effekten bis zum Staunen über wunderschöne oder vergessenen Stücke. „Das kenne ich, aus welchem Film ist das noch?“ Die Bigband der Drawehn Schule, Clenze, Schülerinnen und Schüler der 7.Klassen, hat im Wald bei Corvin eine ungewöhnliche Bühne gewählt. In der Abgeschiedenheit der Natur, im Schutz der Bäume und somit unsichtbar für die Zuhörer werden dort aktuelle und längst vergessene Soundtracks aus spannenden Kino- und Fernsehfilmen am 3. Juni um16.30 Uhr zu hören sein.

Zirkusschule in Meuchefitz
Schon im vergangen Sommer sorgte das französische Wander- und Straßentheaterprojekt „Cirque Gones“ im Wendland für Begeisterung. In diesem Jahr sind sie Gäste der Kulturellen Landpartie und schlagen ihr Zelt in Meuchefitz auf.
Wer sind die Gones? Sechs 20jährige aus Nancy, Kunststudenten, ein Ingenieur und ein Geograph stürzten sich vor drei Jahren mit Körper und Seele in das Abenteuer Zirkus. Mit einer originellen Mischung aus Theater, Musik und Zirkuskünsten bewegt sich die Artistentruppe jenseits von Sägemehlromantik und Hochseilakten. Jonglage und Akrobatik verknüpfen sich harmonisch mit skurrilen Geschichten. Dabei kommt das turbulente Erzähltheater fast ohne Worte aus. In dieser eigenwilligen Zirkuswelt gibt es keine Sprachbarrieren.
Besonders die benachteiligten Kinder in ihrer Heimat und überall in der Welt liegen diesen jungen Künstlern am Herzen. Mit ihrem Projekt „Cirk Afrique“ tourten sie 2003 sechs Monate durch Nord-West-Afrika, wo sie in Marokko, Mauretanien und Senegal Station machten. Ein Jahr später traten sie in verschiedenen Kinderhilfsprojekten in Rumänien auf.
Neben dem laufenden Programm bieten sie in Workshops Kindern und Jugendlichen und nicht nur ihnen die Möglichkeit, in die verschiedenen Zirkuskünste hineinzuschnuppern
Was diese originelle Zirkustruppe außerdem mit dem Wendland verbindet, ist ihre aktive Beteiligung am Widerstand gegen ein Endlager für hochradioaktiven Müll in (Bure/Lothringen ) Im April 2005 unterstützten sie eine deutsch-französische Aktion gegen einen WAA-Transport von Deutschland nach La Hague.

Kunstpädagogische Projekte in Bülitz und Prießeck
Gewalt, Zerstörung, Armut, Leid und die sozialen Mißständen seines Landes sind die Themen mit denen sich der 26jährige Maler Florencio Mirel Fernando Calisto aus Mosambik in seinen Bildern auseinandersetzt. Er gehört zu einer Generation von jungen Künstlern, die sich mit ihren Arbeiten aktiv an der Bewältigung der sozialen Herausforderungen des Landes beteiligt.
Auch ihm liegen die Kinder besonders am Herzen. „Frauen und Kinder bewirken spürbare Veränderungen in der Gesellschaft.“ In seiner Heimat arbeitet der Kunstpädagoge mit Aids-Waisen, fördert auf spielerische Weise deren Kreativität und gibt den Kindern so die Möglichkeit ihre soziale und familiäre Situation besser zu bewältigen. „Eine direkte Begegnung mit dem jeweils Anderen, das gemeinsame Schaffen und Erleben fremder Kulturen und deren Ausdrucksformen“ will Calisto in seinen Malkursen Kindern und Jugendlichen vermitteln.
Im Rahmen der Kulturellen Landpartie ist der Maler in Prießeck und in Bülitz mit seinen
kunstpädagogischen Projekten anzutreffen.

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DAS GORLEBENGEFÜHL – eine Wanderausstellung sucht neue Gastgeber von Peter Bauhaus

Gorleben ist überall. Na klar. Das ungelöste Problem der sog. „Entsorgung“ geht uns alle an. Aber wie es mit Problemen häufig ist: man verdrängt sie gerne. Das geht Ihnen als BesucherInnen der Kulturellen Landpartie so, aber auch uns, die wir das ganze Jahr über hier wohnen. Aber Gorleben hat uns geprägt, die KLP hat ihre Wurzeln im Widerstand gegen die Atomanlagen. Spätestens in jedem November, wenn Zehntausende von Polizisten den Landkreis besetzen, um weitere Castorbehälter ins Zwischenlager zu knüppeln, werden wir brutal daran erinnert, dass zum Atomstrom unweigerlich der Atomstaat gehört. Und dass jede Kilowattstunde Atomstrom den tödlichen Strahlenmüll weiter anwachsen lässt. Das Gefühl der Bedrohung begleitet uns, bewusst oder unbewusst, das ganze Jahr hindurch.
„Das Gorleben-Gefühl“ heisst eine Ausstellung, die während der Kulturellen Landpartie 2004 zum ersten Mal gezeigt wurde – zunächst verteilt über den Landkreis, später dann an einem Ort und zu einer Wanderausstellung zusammengefasst. Über 50 AusstellerInnen und BesucherInnen haben dafür jeweils einen 30 x 30 grossen Holzkasten gestaltet – Ausdruck ihrer ganz persönlichen Empfindungen. Informationstafeln zu Gorleben hat es an den Ausstellungsorten schon immer gegeben – die signalroten Kästen mit dem silbernen „G“ auf dem Deckel aber muss man öffnen – man muss die Begegnung suchen so wie man ein persönliches Gespräch sucht. Und jeder der Kästen spricht seine eigene Sprache. Wut begegnet einem, Angst oder Ohnmacht, aber auch Witz und Ironie. Und immer wieder der wendlandtypische Galgenhumor. Einige Kästen quellen beinahe über, andere sind eher minimalistisch gestaltet, manche erzählen eine Geschichte. Da steht zum Beispiel unter einem Lüftungsschlitz eine rostige Mausefalle, der Bügel gespannt, der Speck nicht angerührt. Die Maus, die wenige Zentimeter davor liegt, ist trotzdem tot. Wie weit ist es bis Gorleben? Plakative Direktheit findet sich ebenso wie poetische Allegorie oder ironische Brechung. So sieht man die allmächtige Atomindustrie (oder ist es die Staatsmacht?) schon mal als kleinen Plastikgorilla in lächerlicher Machopose vor einem Spiegel stehen. Oder der Kasten entpuppt sich als spöttische Erste-Hilfe-Einheit für den Ernstfall: neben einem detaillierten Katastrophenplan („bitte recht freundlich, alles wird gut“) finden sich Tinkturen, Pillen, Mullbinden und Hühneraugenpflaster. Bei der Fülle der Ideen kann der/die BesucherIn gar nicht anders als den eigenen Gefühlen nachzuspüren. Was bewegt mich mehr – die Angst vor der Bedrohung, die Wut über die Ohnmacht oder der verzweifelte Gedanke an das, was es zu schützen gilt? Da ist die kindlich-bunte Papierwelt aus Mensch und Natur, in die von aussen eine Vielzahl eingeschlagener Nägel eindringt. Oder das rohe Ei, das in einem Nest aus rostigem Stacheldraht liegt.
Oder der harmlos aus dem Kasten ragende Holzstab, der sich beim Öffnen des Deckels als das Ende eines Polizeischlagstocks erweist. Mit jeder Installation werden neue Assoziationen angestossen.
An einem Exponat ist bislang noch jede/r BesucherIn verzweifelt: beim Öffnen des Kastens rutscht eine Handvoll bunter Klötze von einer schiefen Ebene und baumelt an Schnüren herunter. Aber wie zum Teufel bekommt man die Klötze wieder hinein, wie kann man den Kasten wieder schliessen? Simpler und eindringlicher lässt sich die atomare „Büchse der Pandorra“ kaum darstellen.

Nach den Worten von Exkanzler Gerhard Schröder ist Gorleben lediglich „ein regionales Problem“. BesucherInnen der Ausstellung in Lüneburg, Hannover und Oldenburg waren anderer Meinung: Gorleben ist überall! Vielleicht kennen Sie einen weiteren Ort, an dem die Ausstellung gezeigt werden könnte. Wir würden uns freuen!
(Kontakt über Kerstin Kempe- Büro der Kulturellen Landpartie, siehe Impressum)
In der Zeit der Kulturellen Landpartie ist die Wanderausstellung voraussichtlich in Salzwedel zu sehen.

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Große Koalition und Atomausstieg

Ob Rot/Grün oder Schwarz/Rot: in Gorleben wird weiter für den Ausstieg aus der Atomkraft und für Demonstrationsfreiheit gestritten.

Erneuerbare Energien statt Atomausstieg – Schwarz/Rot war gerade im Begriff sich zu formieren, und die andere große Koalition, die der Atomdinosaurier von Eon, Vattenfall, RWE und EnBW im Verbund mit„ihren“ Branchengewerkschaften, plädierte für eine Deregulierung der Laufzeiten für Atomkraftwerke. Nicht nur das: die Steinkohlesubventionen sollten erhalten bleiben und auch beim Klimaschutz müssten Abstriche erlaubt sein. Die Aufheizung der Atmosphäre, das Abschmelzen der Pole, eine verheerende sommerliche Hitze und Trockenheit im Mittelmeerraum, tropischer Starkregen in unseren Breitengraden – das gibt es nur im Fernsehen?!

Die Hauptsache die Kasse stimmt, allein dazu taugt die Deregulierung der AKW-Laufzeiten. SPD und CDU kneifen. Im Koalitionsvertrag schreiben sie lediglich Meinungs-verschiedenheiten fest. Dafür wird der Schlagabtausch in den Medien munter fortgesetzt. Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine zu Beginn des Jahres heizte die Debatte um einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke kräftig an. Absurd zwar, denn wozu wird Gas genutzt? In erster Linie zu Heizungszwecken. Und wer in Europa nuklearen (Alb-)Träumen nachhängt, müsste schlüssig erklären, wie angesichts begrenzter Uranvorräte weltweit die Atomkraft eine Zukunft haben soll.

Wir setzen auf Energieeffizienz, Energiesparen, Regenerative Energien und reden von der ungelösten Endlagerfrage, die auch Rot/Grün nur auf die lange Bank geschoben hat, als man sich lediglich zu einem Moratorium auf der Endlagerbaustelle in Gorleben durchrang. Doch Alternativen zu einem Salzstock mit Grundwasserkontakt als Atommüll-Endlager wie in Gorleben sind nicht in Sicht.
Womit wir fast beim Thema wären: Jedes Jahr im November heißt es „Alarm, der Castor kommt“. BGS und Polizei–Beamte bestimmen dann zu Tausenden das Straßenbild. 12 Container mit hochradioaktiven Abfällen aus der französischen Plutoniumfabrik La Hague werden unter massivem polizeilichen Begleitschutz ins oberirdische Zwischenlager Gorleben angeliefert. „Weitere Transporte nach Gorleben gefährden den Landfrieden“, sagte dazu Sigmar Gabriel, heute Umweltminister, damals in seiner Eigenschaft als niedersächsischer Ministerpräsident. Ein Energiekonsens sei unvollständig ohne einen neuen Entsorgungskonsens. Richtig, denn dort steht der Müll herum, bis er eines Tages unterirdisch – hoffentlich nicht in dem gänzlich ungeeigneten Salzbergwerk Gorleben – endgelagert wird. Das Wendland ist der soziale Ort, in dem der Richtungskampf um eine Neuorientierung der Energiepolitik ausgetragen wird: für Klimaschutz und die Erneuerbaren Energien, gegen die Dinosaurier Kohle & Atom. Die Streiter für fossile und atomare Energie heizen den Streit richtig ein.

Flankiert wird der Konflikt durch Verfassungsbeschwerden der Bürgerinitiativen und Einzelpersonen im Wendland. Wer auf eine Demo geht oder an einer Aktion zivilen Ungehorsams teilnimmt, will die politische Klasse aus Erstarrung und Routine herausholen. Das Demonstrationsrecht ist ein plebiszitärer Mittel, um Forderungen geltend zu machen, ein besonders schützenswertes. Wer in Lüchow-Dannenberg im November demonstriert, hat allerdings mit einer schikanösen Behandlung durch die Polizei zu rechnen. Per Allgemeinverfügung wird Jahr für Jahr eine Sonderrechtszone ausgewiesen, in der nicht nur das Demonstrieren verboten wird, in der ganze Dörfer eingekesselt und Einwohner unter Arrest gestellt wurden. Den apostrophierten „polizeilichen Notstand“ konterkariert die Polizei zwar in ihren Presseverlautbarungen, sobald der Castorkonvoi sein Ziel erreicht hat, aber noch wirkt der Bluff.

Die Polizei findet in der Regel keinen adäquaten Umgang mit dem phantasievollen, trick- und kunstreichen Protestverhalten im Wendland. Streng hierarchisch organisiert bewegen sich Polizisten noch immer im Gleichschritt durchs Gelände, gucken nach vorn und beweisen Härte statt Charakter. Auch die Gerichte hinkten am Anfang der Dynamik jenes dynamischen Protestverhaltens hinterher, aber sie bewegen sich doch. Amtsgerichte in Dannenberg, Uelzen und Lüneburg, das Oberlandesgericht Celle und sogar das Verwaltungsgericht Lüneburg stufen die fortlaufende Praxis der „In-Gewahrsamnahmen“ zwischenzeitlich in einer Vielzahl von Urteilen als rechtswidrig ein und sehen in der Beteiligung an Blockadeaktionen wenn überhaupt eine einfache Ordnungswidrigkeit. Ob nun junge Leute auf einem Waldweg eine Barrikade errichtet haben, ob Biker gehindert wurden, eine Landstraße im Raum Gorleben zu nutzen, ob Jugendliche stundenlang ohne Nahrung oder wärmende Getränke in einer Gefangenenstelle festgehalten wurden, ohne dass die Eltern benachrichtigt wurden oder das Jugendamt eingeschaltet wurde – immer lautet der Richterspruch, die Polizei habe rechtswidrig gehandelt. Um es noch pointierter zu sagen: die Polizei begeht bei der Durchsetzung der Atommülltransporte permanent Rechtsbruch.

Polizeibeamte müssen sich inzwischen von Demonstranten belehren lassen, die auf das Sitzblockadenurteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) vom 10.1.1995 verweisen oder aus der Brokdorf-Entscheidung des BVG vom 14.5.1985 zitieren, während sie im Polizeikessel verharren. Einen ersten Erfolg erzielte Anfang Januar eine Demonstrantin, die ohne richterlichen Beschluss fast 24 Stunden lang in einer Gefangensammelstelle eingesperrt wurde. Das Bundesverfassungsgericht beschied, der Fall müsse neu aufgerollt und verhandelt werden.

Die geschilderten Fälle sind exemplarisch und oftmals auf dem juristischen Parkett nicht abgeschlossen. Die Auseinandersetzung um die Atomkraft und Gorleben ist ebenfalls lange nicht abgeschlossen. Hier wird im November in doppelter Hinsicht um Zukunft gestritten: um eine zukunftsgerichtete Energiepolitik und um demokratische Rechte. Die Verfassungsbeschwerde soll die Erstarrung aufbrechen helfen. Dieses Mal geht es darum, auch Schwarz-Rot zu signalisieren: Stoppt die Atomenergie, verzichtet auf den Endlagerstandort Gorleben – Wind und Sonne gehört die Zukunft, sonst heißt es, ohne uns!

Wolfgang Ehmke, langjähriger Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V, aus beruflichen Gründen z.Zt.Ankara/Türkei

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Bus, Bahn, Fahrrad, Trampen

Umweltmobil. Eine Betrachtung von Jens Magerl

Manchmal begegnen mir Worte, die einfach unsäglich sind. Die Zunge sträubt sich, denn diese Worte schmecken wie Salzhering mit Vanille. Sie sind aus Bestandteilen zusammengesetzt, die sich nicht vertragen.
Haben Sie schon mal das Wort „umweltmobil“ in den Mund genommen?
Da haben wir zum einen die Umwelt. Die liegt still in der Gegend rum und rührt sich nicht vom Fleck. Und dann mobil. Das sind die vielen rastlosen, zappelnden, knatternden Dinger, die sich mit großer Geschwindigkeit durch die reglose Umwelt bewegen. Doch wenn die knatternden, zappelnden Dinger immer mehr werden, wenn sie sich so vermehren, dass sie alles verstopfen, dann bewegt sich bald gar nichts mehr. Die Mobile verwandeln sich in Immobilien.
Und die reglose Umwelt? Sie geht auf die Flucht. Rebhühner und Rehe suchen das Weite. Eisbären fühlen, wie ihnen die Schollen unter den Füßen verschwinden.
Was einst Beweglichkeit verhieß, bringt Stillstand. Was feststand, droht sich zu verflüchtigen.
Jedes Jahr kommen zehntausende Menschen, um die Kulturelle Landpartie zu erleben. Diese Mischung aus Lebenskunst, Kultur und unverbauter Umwelt hat große Anziehungskraft, vor allem auf Menschen aus Städten. Sie freuen sich auf blühende Felder und auf Stille.
Doch dann sieht man in manchen Orten den Raps vor lauter Autos nicht. Die Idylle hat sich in einen Parkplatz verwandelt. Man wollte Natur sehen und starrt auf buntes Blech.
Wie aber können wir Umwelt genießen und trotzdem mobil bleiben? Also umweltmobil?
Engagierte Menschen von der Kulturellen Landpartie und vom Fahrgastrat Wendland haben sich darüber Gedanken gemacht. Damit uns allen während dieser schönen Zeit nicht die Worte im Halse stecken bleiben.
Hoffentlich kommen diese Ideen gut voran.
Wir halten die Daumen hoch!

  • Anreise mit Bahn, Bus und Fahrrad – Fahrplanauskünfte und Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten gibt es bei der MOBIZ Wendland Tel. (058 61) 97 95 93
  • Fahrräder können zum halben Fahrpreis in den Bussen im Landkreis mitgenommen werden. Die Bahncard 25 wird anerkannt, das Niedersachsenticket leider nicht.
  • Die Wendlandbahn von Lüneburg nach Dannenberg ist auf zusätzliche Fahrradmitnahme vorbereitet – Gruppe sollten sich trotzdem bei ihrem Reisezentrum Plätze reservieren.
  • Zusätzlich fährt sonntags, zu Himmelfahrt und Pfingstmontag der Fahrradwanderbus von Lüneburg aus in die Göhrde – Infos VOG: (041 31) 88 07 24
  • Größere Fahrradgruppen können bei der RBB von Uelzen aus einen Bus mit Fahrradanhänger zur Fahrt ins Wendland buchen (eine Woche vorher: 05861 – 30 40 – 0)
  • Am Himmelfahrtswochenende (27./28.Mai) kann der 'SolarInfo-Bus' für Rundfahrten zwischen Wunderpunkten und den entlang der Strecke liegenden alternativen Energieprojekten genutzt werden. Infos zur 'Solaren Landpartie' unter 05841 – 97 95 73 oder www.wendenenergie.de
  • Und dort, wo wir das Auto benutzen, lasst uns gemeinsam fahren. Haltet den Daumen hoch: Ich will mitfahren – ich nehme mit – wir fahren gemeinsam! So schonen wir die Umwelt und erfahren vielleicht einen 'Geheimtip', wo es diesmal ganz besonders schön ist …
  • Umweltfreundlich mobiles Wendland

Seit drei Jahren arbeiten engagierte Menschen vom Fahrgast-Rat für ein umweltfreundlich mobiles Wendland. Sie sind aktiv für den Erhalt und den Ausbau der Bahn: Nach 30 Jahren 'Dornröschen-Schlaf' soll die Jeetzeltalbahn zwischen Dannenberg und Lüchow reaktiviert werden. Und der Einsatz von Rufbussen soll alle Orte im Wendland an den Öffentlichen Personennahverkehr anschließen, flexibel und kostengünstig. Ein erster Schritt wird nun mit einem Rufbus zwischen Dannenberg und Dömitz gemacht.
Kontakt Vision 'Umweltmobiles Wendland': Fahrgastrat, Dorfstr. 30 , 29462 Wustrow
Tel. 0 58 43 – 98 69 00, fahrgastrat.wendland@jpberlin.de, www.fahrgastrat.de

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